Hundertsiebenundachtzig Tage

Ludovic Lecomte, Covermotiv: Carine Brancowitz
© Mixtvision Verlag, München
Klasse 8-10
Deutsch, Ethik, Religion
Besonderheit: Jedes Wort sitzt
Lyrik ermöglicht im Unterschied zu erzählender Prosa die Reduzierung auf das Wesentliche. In diesem Sinne ist Ludovic Lecomtes Buch Hundertsiebenundachtzig Tage eher ein langes Gedicht als ein Roman. Diese Beschränkung lässt die Wörter auf jeder Seite wie neu gesetzt wirken.
Konzentriert und neugierig liest man den Text und stellt erstaunt fest, dass man nach knapp hundert Seiten den Ich-Erzähler plastisch vor sich zu sehen meint, seine Not und die Welt, in der er lebt. Form follows function also, denn nur so ist das, was in Hundertsiebenundachtzig Tage erzählt wird, angemessen zu fassen: Ein Jugendlicher entwickelt eine Angststörung und kann sein Zuhause nicht mehr verlassen. Über ein halbes Jahr lang - deswegen der Titel - verbleibt er in diesem Zustand.
Der Roman beginnt mit dem Tag, an dem der Ich-Erzähler wieder den Schritt hinaus in die Welt wagen will. Dieser Schritt wird erst nach 17 Kapiteln getan - ganz am Ende des Romans und mit ungewissem Ausgang. In den zwei Stunden, die bis zum Öffnen der Haustür bleiben, setzt sich der Ich-Erzähler mit seiner Angststörung auseinander, geht auf vorangegangene Ereignisse ein und macht sich auf die Suche nach den Ursachen für seinen Zustand.
Welchen Menschen lernen wir dadurch kennen? Der 16-Jährige, dessen Namen wir nicht erfahren, lebt mit Vater und Mutter in einem Haus, geht zur Schule, hat Freund*innen. Eines Tages wird auf einer Baustelle neben der Schule eine giftige Staubwolke freigesetzt. Die Schüler*innen bekommen schulfrei, was von den meisten freudig begrüßt wird. Bei dem Ich-Erzähler löst das eine Angststörung aus, deren tiefere Ursachen er zunächst nicht versteht und dann Stück für Stück ergründet: „Klimaangst. Ich habe im Internet recherchiert. Anscheinend gibt es noch einen Haufen mehr Leute, die mit dieser Angst leben. Junge, alte …“. Der Jugendliche muss diese Angst seelisch und körperlich ertragen, was sich im Roman nicht nur im Erzählten, sondern auch in der Text- und Satzstruktur sowie in der Wortwahl zeigt: „Beschleunigt Abgehackt Stoßweise Stockend / meine beine / Zitternd Schlotternd Schwankend / schweiß / auf meinen schläfen“.
Verkürzt wäre es allerdings, das Buch auf das Thema Angststörung zu reduzieren. Sicher, der Ich-Erzähler ist mit dem Thema beschäftigt – aber weil vor allem sein Umfeld damit beschäftigt ist. In erster Linie wünscht er sich Ruhe; treffend also, dass er seinen Zustand zu Beginn mit Leben „Am Rand“ und später mit „Höhlensyndrom“ bezeichnet. Zu Letzterem recherchiert er und stellt fest, dass es ein bekanntes Phänomen ist, nämlich auf Überforderungssituationen mit Rückzug zu reagieren.
Um diesen Rückzug geht es eigentlich im Roman. Um die Tatsache, dass Menschen stolpern und fallen können und um die Frage, wie sie und andere damit umgehen. Die Mutter des Ich-Erzählers reagiert mit Schuldgefühlen und Aktionismus, der Vater seinerseits mit Rückzug und mit Geschenken. Der Ich-Erzähler blickt auf seine überwiegend hilflosen Eltern, beobachtet ihre Bemühungen und versucht, für sie etwas zu verändern, was letztlich misslingt. Im Mikrokosmos der Angststörung gemeinsam gefangen, wird die Eltern-Kind-Beziehung auf die Probe gestellt, zerbricht am Ende aber nicht. Das liegt auch daran, dass die Zuneigung füreinander und das Bemühen umeinander nicht verhandelbar zu sein scheinen; so jedenfalls skizziert Lecomte diese enge Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und seinen Eltern.
Ein wenig mehr hilft die Unterstützung seiner Mitschüler*innen Anna und vor allem Gab(riel), der anfangs einfach auf den Ich-Erzähler einplaudert und dieses Ritual wiederholt, was auf seinen Freund beruhigend und ermutigend wirkt. Als diese Besuche mit der Zeit ausbleiben, muss sich der 16-Jährige selbst zu helfen versuchen: In einem Internetforum über Angststörungen kann er endlich von sich erzählen – ohne Sorge zu haben, jemanden zu belasten oder etwas tun zu müssen. Dort, in der Anonymität des Internets, lernt er Manon kennen, die ihn kontaktiert, während der Zeit zuhause mit Mails und Textnachrichten begleitet und ihn schließlich ermutigt, den Schritt nach draußen zu wagen.
Das Buch wirft die Frage auf, was in einer existenziell herausfordernden Lebenssituation helfen kann. Es sind Menschen wie Gab(riel) und Manon, die ohne etwas zu erwarten einfach da sind, sensibel begleiten und gleichzeitig ermutigen. Und es sind vielleicht auch Gesten wie die der Eltern, das gemeinsam gekochte Essen, die heiße Schokolade vor dem Kamin zum Weihnachtsfest, die geschenkte Ukulele, die etwas bewirken. Und ganz sicher, so zeigt es der Roman, ist es die Kunst, die einen retten kann. Der Text ist voller Referenzen: Der Ich-Erzähler lässt Bilder vor uns auftauchen (Der Schrei von Munch oder die Kunst der jungen französischen Malerin Ymane Chabi-Gara), erinnert uns an Filme, Serien und Romane (LalaLand, Cast away, Heartstopper, Das darf nicht das Ende sein oder Die Lichtung) und wir hören einen Roman-Soundtrack mit viel Musik: Perfect Day von Lou Reed, Somewhere over the Rainbow von Judy Garland und natürlich ein paar französische Titel.
Einige Verse aus dem Lied Rendez-nous la lumiére des französischen Sängers Dominique A werden dem Roman vorangestellt: „Gebt uns das Licht zurück, gebt uns die Schönheit wieder / Die Welt war so schön, und wir machen sie nieder“. Das Buch zeigt, wie unsere Welt aus den Fugen gerät und hässlich wird - und wie jemand sehr menschlich darauf reagiert. Das Buch zeigt auch, wie real die Bedrohung durch den menschengemachten Klimawandel ist, wie wir es schaffen, handlungsfähig zu bleiben und Schönheit wiederfinden können. Nicht zuletzt durch die Lektüre dieses Romans.
Geeignet ist Hundertsiebenundachtzig Tage für die Klassen 8-10. Empfohlen wird, den Text vor allem gemeinsam und laut zu lesen, um den Rhythmus und die Poesie der Sprache spürbar zu machen. Thematische Schwerpunkte können dann zum Beispiel in Leserunden und literarischen Gesprächen von den Schüler*innen erarbeitet werden.


